Richard Laymon: Die Insel

Bei Laymons Werken gibt es immer zwei Arten von Leuten: die, die verzweifelt nach Anspruch, Realismus oder ernster Erzählung suchen und die, die sie einfach lesen und sich letztendlich gut unterhalten finden. Wobei Kategorie zwei deutlich mehr Spaß haben werden, eben weil sie sich nicht um die ach so kranken Darstellungen kümmern. Allzu zartbesaitete sollten sowieso von vornherein die Finger davon lassen, denn Laymons Bücher sind kurzweilige Unterhaltung, um ohne groß nachzudenken einer extrem spannenden Geschichte zu folgen.

Die Grundstory ist dabei nichts außergewöhnliches. Protagonist Rupert ist zusammen mit seiner Freundin und deren Familie auf Kreuzfahrt. Nachdem während eines Ausflugs auf eine, auf dem Weg zum Zielort liegende Insel die Jacht explodierte, sitzen die insgesamt acht Personen dort fest. Unsere Hauptperson führt fortan während des weiteren Aufenthaltes auf der Insel Tagebuch, welches wir als Leser nun in Form des Romans „Die Insel“ in den Händen halten. Dass die Erlebnisse nicht so friedlich sind, wie man sich es auf einer einsamen Insel vorstellen mag, versteht sich ja von selbst.

Ich-Erzähler? Und dann noch männlich? Tagebuchform? Klingt ja erst einmal nicht unbedingt nach einem typischen Laymon. Doch bereits auf den ersten Seiten wird klar, es ist einer. Wenn auch nicht sein bestes Werk, muss dazu gesagt sein. An der Geschichte gibt es nichts auszusetzen. Zwar klingt die Story nicht unbedingt außergewöhlich, dafür ist sie aber bis zur letzten Seite spannend, gespickt mit so einigen Story-Twist und spitzt sich zum Ende hin im Bezug auf kranke Ideen und Gewaltdarstellung extrem zu. Der Leser wird dabei gefesselt und hin- und hergerissen zwischen im Grunde traurigen Ereignissen und der gekonnt eingesetzten Situationskomik. Die Verwendung der Ich-Perspektive zieht den Leser zusätzlich noch stärker ins Geschehen hinein.

Doch gerade die Erzählweise ist auch der größte Kritikpunkt des Buches. Ist ja prinzipiell erst einmal toll, wenn man sich mit der Hauptperson identifizieren kann. Doch bringt das herzlich wenig, wenn einem eben dieser nicht sympathisch ist. Zwar ist die Erzählweise ziemlich realitätsnah, doch geht einem die übermäßige Schilderung persönlicher Gedankengänge und vor allem Fantasien bereits nach den ersten paar Seiten gehörig auf den Geist. Oder im Klartext gesagt: es nervt einfach, dass der gute Rupert die ganze Zeit lang nur ans Poppen denkt. Und das selbst in den abstrusten und gefährlichsten Situationen. Tatsächlich wird ein Großteil des Buches damit verschwendet, zu beschreiben wie unser Protagonist es gerne mit den Frauen auf der Insel treiben würde. Natürlich muss man bedenken, dass er mit seinen 18 Jahren noch recht jung ist und auch sonst nicht unbedingt als sehr intelligent dargestellt wird. Dennoch sind teilweise einige Handlungsweisen in bestimmten Situationen überhaupt nicht nachvollziehbar, wenn er sich zum Beispiel – in höchster Gefahr schwebend – zuerst einmal mit den anderen Gefangenen in aller Seelenruhe unterhält.

Also ein schlechtes Buch? Das kann man wahrlich von keinem Werk dieses Autors sagen. „Die Insel“ ist aber nicht sein bestes Werk und kommt qualitativ nicht unbedingt an seine anderen Romane heran. Letztendlich liegt es im Ermessen des Lesers, ob ihnen die doch relativ primitive Erzählweise vom Genuss des Buches abhält. Für Laymon-Fans auf jeden Fall Pflichtlektüre, wer noch keines seiner Bücher kennt, dem sei empfohlen, mit einem anderen Werk zu beginnen.

4/10

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*